Kein AKW in Polen!

Die polnische Regierung plant, in die Nutzung der Atomenergie einzusteigen.

 

Bitten Sie unsere polnischen Nachbarn, auf Atomenergie zu verzichten und stattdessen den regenerativen Energien den Vorzug zu geben.

Mehr zu den bürokratischen Details finden Sie hier:
http://www.bmu.de/atomenergie_sicherheit/doc/48237.php

Keine AKW in Polen!

Wortlaut der Einwendung

Einwendung gegen den Entwurf des
Polnischen Kernenergieprogramms

Sehr geehrte Frau Trojanowska,
hiermit bitte ich Sie dringend, keine Atomkraftwerke in Polen zu bauen. Zu den Gründen lesen Sie bitte meinen Brief:

Es ist befremdlich, dass weder im „Programm“ des polnischen Atomprojekts, noch in der zugehörigen „Studie“ irgendwelche Konsequenzen aus der Katastrophe von Fukushima gezogen werden. Denn die Angaben über die Auswirkungen von Unfällen in den geplanten AKW umfassen nicht die schlimmsten möglichen Szenarien. So wird z.B. auf S. 207 der „Studie“ nur eine teilweise Kernschmelze mit „Freisetzungen aus dem schmelzenden Brennstoff von 90 Minuten“ betrachtet. Außerdem wird angenommen, dass die Sicherheitshülle intakt bleibt. Es wird also von vorneherein vorausgesetzt, dass es zu keinem wirklich schweren Unfall kommt, trotz der Erfahrungen bei den Atomkatastrophen in Idaho Falls, Harrisburg, Tschernobyl, Sellafield, Fukushima und anderen. Auch wenn in Polen andere Reaktortypen zum Einsatz kommen sollen als in den genannten Fällen, bleiben viele schwere Unfälle realistisch, z.B. durch Kriegs-, Terror- und Sabotageeinwirkungen, durch Bedienungsfehler, durch Materialfehler usw. Deshalb können weit schwerere Unfälle eintreten, als in der „Studie“ angegeben.

Was das in der Praxis bedeutet, zeigt eine neue Studie (IPPNW-Presseinformation vom 25. Oktober 2011): Die Emissionen von Fukushima, die zum Großteil aufgrund des Erdbebens schon vor dem Tsunami stattfanden, hätten eine Evakuierung von Tokyo nötig gemacht, wenn sich der Wind gedreht hätte. Der japanische Ex-Premierminister Naoto Kan zweifelte damals sogar daran, dass Japan als Staat weiterfunktionieren könne. Große Erdbeben sind in Polen zwar unwahrscheinlich. Aber ein terroristischer Angriff, Kriegs- und Sabotageeinwirkungen, und vieles mehr können dieselbe Wirkung hervorrufen. Je nach der Windrichtung kann ein derartiger Unfall auch das „Weiterfunktionieren“ von Deutschland beenden.

In Kapitel 3.7 der „Studie“ wurde nur sehr einseitige Literatur zitiert, die die Unbedenklichkeit von radioaktiver Niedrigstrahlung beweisen soll. Am deutlichsten wird dies bei der Verharmlosung von Radiojod. Hier wäre es zumindest angebracht zu erwähnen, dass eine sehr große Zahl von wissenschaftlichen Studien, die nicht industrie-finanziert sind, zu ganz anderen Ergebnissen kommt.

Es ist auch außerordentlich befremdlich, dass die Atomenergie als umweltfreundliche Energie dargestellt wird, und dass dabei die vielen Hunderttausend Toten, die der Uranbergbau bisher gefordert hat, keinerlei Erwähnung finden [1], [2]. Auch die Krebsfälle und Missbildungen um die Atomkraftwerke [3] werden auf S. 118 der „Studie“ geleugnet. Die Behauptung, die emittierte Radioaktivität sei zu gering, um diese Krebsfälle zu erklären, wurde inzwischen schlüssig widerlegt [4]. Die Ausführungen zur Frage der Krebsfälle in der Umgebung von Kernkraftwerken in der „Studie“ entsprechen in keinster Weise dem aktuellen Stand der Wissenschaft.

In diesem Zusammenhang, aber auch für einen Störfall, müsste die Haftpflicht für künftige polnische Kernkraftwerke sachgerecht (d.h. nach dem Bürgerlichen Recht und nicht nach den Pariser Verträgen) geregelt werden. Hierzu findet man weder im „Programm“, noch in der „Studie“ befriedigende Ansätze. Das ist ein Fehler, der besonders auch uns deutsche Einwender betroffen macht, und der natürlich für die grenznahen und die an der Küste gelegenen AKW noch gravierender ist. Bei Unfällen wie in Tschernobyl spielt jedoch der größere Abstand zu Deutschland keine Rolle, der sich für die AKW-Standorte im Inneren des Landes ergibt.

Völlig ungeklärt bleibt die Frage nach einem Endlager. Der Anteil an Pu242 beträgt bei heutiger Betriebsweise etwas weniger als ein Promille des abgebrannten Brennstoffs, seine Halbwertszeit 370.000 Jahre. 30 Mikrogramm an Feinstaub dieses Stoffs sind tödlich. Nach 1 Million Jahre „Endlagerung“ der Brennelemente aus den polnischen AKW ist davon noch genug übrig, um gleichzeitig viele Milliarden Menschen zu töten. Aber wie will die polnische Regierung eine sichere Lagerung auch nur für eine Million Jahre garantieren? Es wäre absolut nötig, dass das „Programm“ oder die „Studie“ hierüber Auskunft geben. Die Behauptung auf S. 12, des „Programms“, 7. Spiegelstrich: „Bestehen einer effektiv funktionierenden Entsorgungswirtschaft für radioaktive Stoffe.“ ist wohl reines Wunschdenken ohne Bezug zur Realität. Hier ist Passage auf S. 28 des „Programms“ besonders besorgniserregend: „Vollständige Verantwortlichkeit der Investoren und Betreiber von kernenergetischen Anlagen für den sicheren Umgang mit den abgebrannten Kernbrennstoffen und radioaktiven Abfällen“ Heißt das, nicht der Staat, sondern die Betreiber sind für den nuklearen Abfall verantwortlich??

Der Bau der polnischen AKW wird einerseits mit „Umweltschutz“, andererseits mit niedrigen Kosten für die Stromerzeugung begründet. Selbst wenn man für diese Art des Umweltschutzes die Opfer des Uranbergbaus, sowie die Krebserkrankungen und die Missbildungen um die AKW akzeptiert, ist die Überlegung falsch. So zeigt der Satz auf S. 5 des „Programms“ „...erscheint die Kernenergie besonders viel versprechend, da hier keine CO2 - Emissionen vorkommen“, dass die polnische Regierung das Problem der Schadstofferzeugung aus dem eigenen Land in die Länder des Brennstoffzyklus verlegen will. Daher ist auch Abb. 1.3 auf S. 8 unseriös. Außerdem steht für Klimaschutzmaßnahmen nur eine beschränkte Menge an Geld zur Verfügung. Die Frage lautet also nicht, wie im „Programm“ suggeriert wird: „Wie viel CO2 , NOx usw. lassen sich einsparen, wenn ein AKW gebaut wird?“, sondern: „Wie viel dieser Stoffe lässt sich mit einem Euro einsparen?“ Dann müsste ein realistischer Vergleich zwischen den einzelnen Kraftwerkstypen durchgeführt werden. Nach einer älteren Studie des Ökoinstituts Freiburg [5] ist Kernenergie einer der teuersten Wege, Klimagifte zu vermeiden. Wasserkraft, Windkraft, bestimmte Formen von Biomasse, gasbetriebene GuD-Blockheizkraftwerke und vor allem Strom Sparen sind billiger und effizienter. Inzwischen sind die spezifischen Kosten für AKW wegen der nötigen Sicherheitstechnik weniger stark gesunken als bei den übrigen Kraftwerkstypen. Der Nachteil der Kernenergie ist hier also noch größer geworden.

Noch merkwürdiger sind die Wirtschaftlichkeitsberechnungen im „Programm“. Die angegebenen Zahlen sind an einigen Stellen schlicht falsch. So wird z.B. auf S. 6 und in Abb. 4.6 des „Programms“ die Kostensteigerung für Kohle und Öl berücksichtigt. Bei Uran wird dagegen nahezu von einer Preisstabilität ausgegangen. Dazu sehe man sich nur die tatsächlichen Preissteigerungen bei Uran in den letzten Jahren an, die um ein Vielfaches steiler verliefen als die für Kohle und Öl. Auch die Betriebskosten für Windkraftanlagen sind unrichtig. Externe Kosten werden überhaupt nicht berücksichtigt, so dass die gesamte Wirtschaftlichkeitsberechnung in höchstem Maß unseriös ist.

Das „Programm“ zeigt in Abb. 1.2 auf S.7, dass trotz der angenommenen Steigerung des Stromverbrauchs um 40% (!) Kernkraftwerke überflüssig sind, denn in den Preisen für die Windkraftanlagen sind „fixe Kosten der Reservequellen“ bereits berücksichtigt („Programm“ S. 126, Ziff. 13), so dass in jedem Fall die nötige Reservekapazität auch ohne AKW vorhanden ist. Denselben Schluss kann man aus Abb. 4.3 (S. 32 des „Programms“) ziehen. Das zeigt ganz klar, dass die geplanten polnischen AKW zu teuer und extrem umweltschädlich sind, aber keineswegs für die Stromversorgung gebraucht werden.

Mit freundlichen Grüßen


[1] Siehe z.B. Sibylle Nahr, Uwe Peters: The World Uranium Hearing Salzburg 1992, in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung 1993, ISBN 3-928 505-00-9 und den zugehörigen Band: Esther Krumbholz, Frank Kressing: Uranium mining, atomic weapons testing, nuclear waste storage – a global survey
[2] Erklärung der indigenen Delegierten des Vorkongresses “Sacred Land, Poisoned Peoples” an den 19. Weltkongress der IPPNW, 29.8.2010
(www.nuclear-risks.org/fileadmin/user_upload/pdfs/pre-congress_statement_deutsch.pdf
    Siehe auch umwelt - medizin - gesellschaft 1/2011, S. 24 – 31
[3] C. Spix, S. Schmiedel et. al.: Case-control study on childhood cancer in the vicinity of nuclear power plants in Germany 1980 – 2003. Eur. J. Cancer 44, 275 – 284 (2008)
    P. Kaatsch, C. Spix et. al.: Leukaemia in young children living in the vicinity of German nuclear power plants. Int. J. Cancer 122(4), 721 – 726 (2008)
[4] Alfred Körblein: Kinderkrebs um Kernkraftwerke: Stationen einer Aufklärung. umwelt - medizin - gesellschaft 1/2011, S. 15 – 23
[5] Uwe Fritsche: Vom Ende der Mär: Atomkraft und Klimaschutz, Ökoinstitut, Institut für angewandte Ökologie e.V., Darmstadt, Freiburg, Berlin 1995

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